FREITEXT

ACHTUNG! Die Haslacher Wundertüte hat einen Änderung im Rhythmus der Veranstaltung Freitext ab 2018 beschlossen! Bitte auf die jeweilige Ankündigung achten!

Auf dieser Seite veröffentlichen wir die bei unserem offenen Literaturforum vorgetragenen Texte (nur die tatsächlich gelesenen Texte/Passagen) und verlinken sie mit Blogs oder Autorenseiten. (immer mit Einverständnis der Autorinnen und Autoren.)

11.11.2016 FREITEXT #1

gelesen haben: Elena Erat, David Lorenz, Elvira Nüchtern, Regina Frey, Joachim Ludwig, Juliano Gerber, Amla Kalina Rießler, Uschi Wiegering, Florian Feucht, Ingvo Broich, Ludger Christian Albrecht

Texte:

Alma Kalina Rießler

Kraísat (Roman – Textauszug)

Die vier Drachen wachen über Gaërien, sie sind die Hüter des Friedens und der Gerechtigkeit. Doch Gaërien ist gespalten: Zwischen Gaërern und Vandorern, zwischen Rebellen und Anhängern des Fürsten. Aus Hass, Angst und Verzweiflung sind die Kraísat entstanden, Schattenkreaturen, die sich von der Energie anderer ernähren. Von ihnen wurden die Drachen in einen unfreiwilligen Schlaf versetzt, und die Vandorer vergaßen die Drachen.

Auch Alexander sieht in ihnen nur ein Märchen. Bis er die Gaërin Akia trifft und mit ihr gemeinsam vor dem Fürsten flieht. Mit Hilfe der Kraísat hat der Fürst Akias gesamtes Volk versteinert. Nur die Drachen haben die Macht, die Kraísat zu vertreiben und die Gaërer zu retten.  Akia und Alexander sind fest entschlossen, die Drachen zu wecken und so die Gerechtigkeit wiederherzustellen. Doch der Fürst lässt überall nach ihnen suchen…

Als die Sonne sich langsam zum Horizont senkte, erreichten sie endlich die Mauern der Stadt. Zu ihrem Entsetzen mussten sie feststellen, dass man die Tore bereits geschlossen hatte. Die Vorstellung von einer Nacht in Sicherheit, von einem weichen Bett und einer warmen Mahlzeit, zerbarst vor ihren Augen. Alexander fluchte laut, sein Blick glitt die Mauern empor. Sie waren hoch und glatt, fast unmöglich zu erklimmen.

»Oh nein, mein Freund, Klettern wäre bloße Zeitverschwendung. Diese Mauern sind extrem stabil und gut gerüstet.«

Alexander drehte sich um und sah einen älteren Mann hinter den Toren stehen, in der Uniform der Wachmänner. Er beobachtete die beiden genau.

»Bitte«, hörte der Junge Akia sagen. »Wir können nirgendwo sonst bleiben.«

Der Wachmann leckte seine Lippen und überlegte einen Moment. »Ihr seht wirklich erschöpft aus. Und es heißt schließlich: Keine Regel ohne Ausnahme. Ich könnte euch ausnahmsweise in die Stadt lassen, ihr könnt bei mir essen und euch ausruhen.«

»Vielen, vielen Dank«, meinte Alexander erschöpft und stieg von seinem Pferd.

Der Wachmann schloss das Tor auf und führte sie in die Stadt, die Pferde trotteten hinter ihnen her. Alle Straßen, durch die sie kamen, waren vollkommen verlassen.

»Wieso ist alles so still?«, fragte Akia.

»Neue Verordnung des Fürsten. Er möchte die Stadt abends nur für seine eigenen Leute offen haben.«

»Warte.« Alexander war stehengeblieben. »Heißt das, er ist hier?«

Der Wachmann nickte. »Aber macht euch nicht zu viele Sorgen. Er sucht nur irgendwelche Banditen, die ihm abgehauen sind. Die Zeit für Steuerzahlungen ist noch nicht gekommen.«

Alexander und Akia tauschten einen schockierten Blick. Der Wachmann sah die beiden an und runzelte die Stirn. »Wir sollten schneller gehen, es ist nicht mehr weit.«

Bald kamen sie zu einem kleinen aber gepflegtem Haus. Der Wachmann schloss die Tür auf und rief nach seiner Frau. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht kam sie und machte sich an die Arbeit. Die Gemüsesuppe, die für die Gäste gekocht wurde, schmeckte wie der Saft des Lebens. Sie schlugen sich den Bauch voll und legten sich dann in frisch gemachte Betten. Der Schlaf kam fast sofort.

»Und du bist dir sicher, absolut sicher, dass sie das sind, was du von ihnen denkst?«

»Absolut.«

Alexander öffnete die Augen, als die Stimmen in sein Bewusstsein drangen. Die eine Stimme erkannte er, die des Wachmannes, der ihnen geholfen hatte. Er blieb still liegen und lauschte.

»Wenn ich heute Nacht meine Zeit und meine Männer verschwendet habe, trägst du das auf dem Gewissen.«

»Ich weiß, aber ich bin mir sicher. Ich habe es an ihren Gesichtern abgelesen, als sie von der Anwesenheit unseres allmächtigen Herrschers erfuhren.«

Der Junge setzte sich auf, alle Müdigkeit sofort verflogen. So leise er konnte schlich er aus dem Bett und rüttelte Akia wach. Sie öffnete die Augen und machte Anstalten, etwas zu sagen, doch er hielt ihr eine Hand vor den Mund. Die Stimmen wurden wieder laut.

»Wir werden uns nun selbst davon überzeugen, dass du die Wahrheit sprichst. Wenn das wirklich die beiden sind, nach denen wir suchen, wirst du belohnt werden. Wenn nicht, droht Strafe.«

Akias Augen weiteten sich. Sie sprang aus dem Bett. Der Junge war nun froh, mit seiner ganzen Kleidung geschlafen zu haben, denn er brauchte nur das Schwert zu greifen und in Schrittstellung zu gehen. Auch Akia war fertig für einen Kampf. Ihr Schwert lag griffbereit neben ihr und sie zielte mit dem Bogen auf die noch verschlossene Tür. Dahinter hörten sie die Holzdielen unter vielen Füßen knarzen. Die Türangel quietschte und Alexander umklammerte sein Schwert noch fester. Dann flog die Tür auf und Soldaten mit gezückten Waffen stürmten in den Raum. Akias erster Pfeil sauste an Alexander vorbei und traf den vordersten Soldaten an der Schulter, während die restlichen weiter vordrangen. Es war klar, dass sie keinen Kampf erwartet hatten, sondern nur eine stille Festnahme ohne Gegenwehr. Doch genauso klar war, dass Alexander und Akia keine Chance gegen die voll ausgebildeten Soldaten hatten. Sie würden fallen, früher oder später. ›Eher früher als später‹, dachte der Junge, als ein stämmiger Soldat auf ihn zukam. Er hob sein Schwert, Metall traf auf Metall. Alexanders Gegner drückte sein ganzes, und gewaltiges, Gewicht gegen seine Waffe und der Junge war gezwungen, zur Seite zu weichen, wobei er auf einen anderen Soldaten stieß. Beide Waffenbrüder kamen nun auf ihn zu und es gab keine Hoffnung. Doch kapitulieren würde er nie.

Alexander sprang nach vorne. Der Soldat hatte anscheinend keinen Angriff erwartet, denn er war zu langsam. Alexanders Schwert knallte auf seinen Kopf und der Mann sank bewusstlos zu Boden. Dann drehte der Junge sich zum anderen Soldaten um, der schon seine Waffe erhoben hatte und auf ihn zustürmte. Der Junge konnte gerade noch ausweichen, doch das feindliche Schwert hatte in seine Wade geschnitten. Er hielt die Lippen aufeinander gepresst und gab keinen Mucks von sich. Stattdessen verlagerte er sein Gewicht auf das andere Bein und stieß das Schwert in die Schulter des Soldaten, der laut aufheulte und sich auf ihn schmiss. Ein weiterer Soldat kam ihm zur Hilfe und der Mann, den Alexander bewusstlos geschlagen hatte, war nun auch wieder auf den Beinen. Alexander kämpfte unermüdlich weiter. Bis er einen Schwerthieb auf den Kopf abbekam und in die Dunkelheit sank.

Als der Junge ein paar Augenblicke später aus seiner Ohnmacht erwachte, fühlte er etwas kaltes an seiner Kehle und feuchten Atem in seinem Nacken. »Bleib still«, sagte eine Stimme. Alexander schluckte und versuchte zu erkennen, wie sich Akia schlug. Sie durften nicht auch noch das Mädchen fangen. Sie schien alles unter Kontrolle zu haben, sie hielt drei Soldaten auf Abstand. Doch das würde sie nicht lange durchhalten.

»Halt! Ergib dich, oder er stirbt.« Die Stimme gehörte dem Mann, der sein Messer gegen Alexanders Hals gedrückt hielt. Akia drehte sich um und hielt mitten in der Bewegung inne, Entsetzen stand auf ihrem Gesicht geschrieben. Alexander schüttelte fast merklich den Kopf und hoffte, sie möge seine Nachricht verstehen. Sie musste sich retten und die Drachen wecken. Sie würde das auch ohne ihn schaffen.

Doch Akias steinernes Gesicht drehte sich zu Alexanders Wächter um. »Ich ergebe mich«, sagte sie entschlossen.

»Akia, nicht!«, schrie Alexander, doch ihr Schwert war schon mit einem lautem Klirren auf dem Boden gelandet. Sie schaute ihm fest in die Augen und ihre Lippen formten Worte, die er nie vergessen würde.

›Niemals ohne dich.‹

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13.01.2017 FREITEXT #2

gelesen haben: Ernest Mal, Ulrich Passmann, David Lorenz, Juliano Gerber, Regina Frey

10.03.2017 FREITEXT #3

gelesen haben: Satis Shroff, Ulrich Passmann, Ernest Mal, Beate Ruf, Erika Prümm, Richard Ahbe, David Lorenz, Barbara Noack

Texte:

von Satis Shroff:

Der Verlust des Sohnes einer Mutter 

Sie betet Shiva von den Schneegipfeln an

Für Frieden auf Erden, und ihres Sohnes Wohlbefinden.

Ihr einzige Freude, ihre letzte Hoffnung,

Während sie den Terrassenacker

Auf einem schroffen Hang bestellt.

Ein Sohn, der ihr half,

Ihre Tränen zu wischen

Und den Schmerz in ihrem mütterlichen Herz zu lindern.

Ein Johnny Gurkha ist endlich unterwegs

Man hört es über den Bergen mit einem Geschrei.

Es ist ein Offizier von seiner Einheit.

Ein Brief mit Siegel und ein Pokergesicht

Eine Welt bricht zusammen

Und kommt zu einem Ende.

Ein Kloß im Hals der Nepali Mutter.

Nicht ein Wort kann sie herausbringen.

Weg ist ihr Sohn, ihr kostbares Juwel.

Ihr einzige Versicherung und ihr Sonnenschein.

In den unfruchtbaren, kargen Bergen,

Und mit ihm ihre Träume

Ein spartanisches Leben, das den Tod bringt.

Glossar:

Shiva: Gott der Zerstörung in Hinduismus

Johnny Gurkha: Eine Bezeichnung für die Nepalis die in Englands Gurkha Einheiten (z.B. King Edward’s Own Gurkha Rifles) dienen. Sie leisten auch heute noch ihren Eid auf die britische Königin und ziehen u. a. vor dem Buckingham Palast als Ehrenwache auf. Britische Gurkhas dienten in Malaysia, Indonesien (Borneo), Hongkong, Brunei, Zypern und neuerdings auch in Kosovo und Irak.

*****

Mein Alptraum (Satis Shroff)

Wenn die Nacht nicht so Kalt ist,

Wenn ich im Bett bin

Träume ich von einem entfernten Land.

Ein Land wo ein König über seinen Reich regiert

Ein Land wo es noch Bauern gibt, ohne Rechte,

Die Felder bestellen, die denen nicht gehören.

Ein Land wo die Kinder arbeiten müssen,

Und keine die Zeit für Tagträumerei haben.

Wo Mädchen das Gras schneiden

Und schwere Körbe auf dem Rücken tragen.

Winzige Füße, die steilen Wege gehen.

Ein Land, wo der Vater Holz sammelt und zerstückelt,

Die schließlich nur ein Paar Rupien bringen,

Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang.

Ein Land, wo unschuldige Mädchen

Ihre rechte Hand ausstrecken,

Und werden mit Dollars belohnt.

Ein Land, wo eine Frau weiße, rote, gelbe und lila

Tabletten und Pillen sammelt,

Von den altruistischen Touristen, die vorbei laufen.

Die meisten sind weder Ärzte noch Krankenschwestern.

Dennoch verteilen Sie Pillen,

Sich ohne Gedanken zu machen über die Nebenwirkungen.

Die Nepali Frau besitzt eine Arsenal

Von potente Pharmaka.

Sie kann die fein gedruckte Hinweise nicht lesen,

Weil sie auf Deutsch, Französisch, Englisch

Oder Spanisch sind,

Die Hieroglyphen von viele ferne Grammatik.

Schwarze Buchstaben sehen aus

Wie asiatische Wasserbüffel in ihren Augen.

Kala akshar, bhaisi barabar“ sagt die Nepali Frau.

Die Gedanken, dass sie Pillen und Tabletten

An andere Kranke Nepali Mütter oder Kinder verteilt,

Macht mir Angst.

Wie gedankenlos, diese Fremden,

Die Trekker und Bergsteiger mit Bildung,

Die medizinische Almosen geben,

Und dabei die makabere Rollen von Ärzte,

Im Schatten des Himalaya, spielen.

Glossar:

Kala: Schwarz

Akshar: Buchstaben

Bhaisi: Wasserbüffel

Barabar: ist gleich wie

Santa Fe (Satis Shroff)

Ein deutscher Professor machte mir den Hof

Und sagte, dass ich trotzdem mein Kreatives Schreiben

Weitermachen dürfte,

Wenn ich ihm heiraten würde.

Ich gab ihn das Jawort,

Schenkte ihm fünf Kinder

Und hatte fürs Schreiben keine Zeit.

Ich war ewig dabei

Pampers zu wechseln,

Popos einzukremen

Für sieben Familiemitgliedern zu kochen.

Ich staubte die vielen Fenstern und Möbeln ab.

Polierte das Treppenhaus

Räumte immer die Kindersachen auf,

In einem dreistöckigen Haus.

Ich fütterte und pflegte den Kleinen,

Lobte und streichelte den Größeren.

Ich hatte plötzlich keine Zeit

Für mich und meine Belange.

Hin und wieder hatte ich eine Inspiration

Aber ich hatte keine Zeit

Und die Gedanken sind in Luft aufgelöst.

Verloren waren meine intellektuelle Kostbarkeiten,

Zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang.

Eine Müdigkeit fiel über mich.

Ich war froh, wenn ich einmal gut schlief.

Der Schlaf tröstete mich nach meiner Hausarbeit.

Die Familie war zu sehr mit mir.

Eines Tages habe ich mir auf den Weg

Nach Santa Fe gemacht,

Der einzige Ort wo ich mich frei fühlte.

Frei zu denken und auszusortieren

Und sie in meinem Laptop heranwachsen zu sehen.

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Der Makel (Satis Shroff)

Ich lebe in ständiger Angst

Entdeckt zu werden.

Meine Frau weiß es

Meine Tochter weiß es

Sonst niemand.

Ich fühle mich wie ein Versager,

Denn ich habe einen Makel.

Die Gründe liegen im Elternhaus,

Teilweise in der Schule.

Meine Eltern hatten keine Zeit für mich

Sie schufteten und schafften.

Vater kam oft mit einer Fahne.

Er schlug auf Mutter und uns.

Mein Lehrer verprügelte mich auch.

Ich bekam Lernprobleme.

Als Kind musste ich in den Feldern arbeiten,

Denn mein Vater war Bauer.

Ich wurde als Kind vernachlässigt.

Meine Mutter hätte mir geholfen,

Aber sie war Müde und ratlos.

Ich mogelte mich durch in der Schule,

Schaffte aber den Schulabschluss nicht.

So wuchs ich als Mann auf

Ohne Lesen,

Ohne Schreiben

Zu können.

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12.05.2017 FREITEXT #4

gelesen haben:  Francois Loeb, Erika Prümm, Irmhild Stein, Hermann Groteloh, Juliano Gerber, Alex Renz, Peter Kusche, Elisabeth

 

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